Andere Wahrnehmungen erfahrbar machen | 05.09.2007 |
Wie sieht die Vorstellungswelt von Demenzkranken aus, wie sehen sie sich gegenüber ihrer Umwelt? Dieser Frage stellt sich das von der Leitstelle Älterwerden des Kreises in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Ralf Braum geplante Aktionskunst-Projekt „Momentaufnahmen aus der Welt des Vergessens“. Die Ergebnisse sind vom 05. bis zum 20. September 2007 in einer Ausstellung im Foyer des Rathauses Neu-Isenburg (Hugenottenallee 53) zu sehen. Durch die Fotografien, die an Demenz erkrankte Menschen von sich oder anderen per Fernauslöser gemacht haben, soll deren Wahrnehmung ein Stück weit erfahrbar gemacht werden. „Mit diesem Projekt wollen wir auf die Problematik Demenzkranker aufmerksam machen, aber auch den Betroffenen eine Möglichkeit geben, sich auszudrücken. Wir haben hier die Chance, Sichtweisen von Menschen zu bekommen, die eine andere Erlebniswelt haben“, sagte der Kreisbeigeordnete Carsten Müller als er zusammen mit dem Neu-Isenburger Bürgermeister Oliver Quilling die Vernissage zu dem Aktionskunst-Projekt eröffnete. „Wichtig war uns zudem, die erkrankten Menschen aktiv in das Geschehen einzubinden und zu Handelnden zu machen, statt sie nur als Objekt darzustellen.“ Aber auch die „Normalen“ sollen ihre Sichtweise auf Demenzkranke hinterfragen. „Viele denken, dass Demenzkranke nichts mehr mitkriegen. Das stimmt nicht. Sie können das Gegenwärtige nur nicht in ein Schemata einordnen“, betonte der Sozialdezernent. Auch wenn sie das Geschehen vom Intellekt her nicht verarbeiten könnten, so gebe es doch die Fähigkeit zum Gefühl und die Erinnerung an verbliebenes Können. Der Fotograf Ralf Braum hatte sich bereit erklärt, ein solches Foto-Projekt zu unterstützen. Seine Idee war es, die Gäste der Betreuungsgruppen als Handelnde in das Entstehen der Fotografien einzubeziehen. Keine anderen Personen als sie selbst, sollten die Regie über ihre Eigenportraits übernehmen. Für Braum stand neben der Selbstwahrnehmung, der Kontakt und das Interagieren im Mittelpunkt. „Wie dieses Agieren genau aussehen sollte, wussten wir vorher nicht wirklich“, erzählte Braum. „Herausgekommen ist ein Kontakt zwischen zwei Menschen, eine Aufforderung zur natürlichen Selbstdarstellung, die Freude am kreativen Gestalten.“ Der Künstler sieht in dem Kunstprojekt deshalb nicht nur „eine einmalige Herausforderung, sondern auch ein viel versprechendes Element den Alltag der Demenz-Erkrankten zumindest zeitweise zu verändern und sie für den Moment zu aktivieren.“ Zum ersten Termin hatten sich Gruppen aus Dreieich, Heusenstamm und Obertshausen mit Braum getroffen. „Sie konnten also selbst bestimmen, wann sie die Kamera auslösen wollten“, erklärte der Fotograf, „ich war überrascht, wie positiv es aufgenommen wurde.“ Die Gestaltung der Aufnahmen erfolgte in einem klaren, reduzierten Rahmen. Ein einfacher weißer Hintergrund sorgte dafür, dass die Personen ohne ablenkende Elemente im Vordergrund stehen. Um auf die teilweise eingeschränkten motorischen Fähigkeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer Rücksicht zu nehmen, war die Bedienung der Digitalkamera auf ein Minimum reduziert und befand sich voreingestellt und fest installiert auf einem Stativ. Sie wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern über einen zehn Meter langen Fernauslöser bedient. Die Beleuchtung wurde über eine professionelle Blitzanlage erreicht, die mögliche Bewegungsunschärfen verhindert. In diesem Arrangement war es für die an Demenz erkrankten Menschen leicht, sich alleine oder zu zweit zu bewegen und mit dem Fernauslöser scharfe und gut belichtete Fotos ohne übertriebenes technisches Know-how zu realisieren. Es sei ein Experiment gewesen, auf das sie sich eingelassen hätten. Aber es habe sehr gut geklappt, sagte Gerlinde Wehner von der Leitstelle Älterwerden zufrieden. Ralf Braum: „Wir ermutigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Mitmachen. Die Atmosphäre während der Fotosession hatte sogar etwas Glamour und die Freude am Geschehen war während des gesamten Zeitraums spürbar. Die Menschen mit Demenz nahmen nach ihren individuellen Möglichkeiten teil, die erwartungsgemäß unterschiedlich waren.“ Im Kreis Offenbach bieten aktuell 12 niedrigschwellige Betreuungsgruppen an Vor- oder Nachmittagen Gruppenangebote für demenzkranke Menschen an. Die Gruppenangebote werden von geschulten und von einer Fachkraft angeleiteten freiwilligen Helferinnen und Helfern betreut. Pflegende Angehörige werden damit zeitlich entlastet und gleichzeitig wird den Erkrankten ein Gemeinschaftserlebnis ermöglicht. Sie werden vom Kreis Offenbach, von der jeweiligen Stadt in der sie ansässig sind und von der Pflegekasse finanziell gefördert. Zum Teil dienen auch Spenden von Stiftungen oder Sponsoren zum Erhalt. „Demenz ist in der Allgemeinheit immer noch ein Tabu“, so der Kreisbeigeordnete Carsten Müller abschließend. „Das Projekt soll Angehörigen und Betroffenen auch Anstoß geben, offener mit der Diagnose umzugehen. Denn Anderssein und Krankheit sind Teil unserer Gesellschaft und des Lebens, oftmals mehr als uns allen bewusst ist.“ |