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Ein Koffer und seine Geschichte 21.11.2017 

Ein Koffer und seine Geschichte

Der Holocaust und das Schicksal der Geschwister Schloss


Im RegioMuseum Seligenstadt ist ab sofort ein einzigartiges Dokument der Zeitgeschichte zu bestaunen: Ein Koffer samt Inhalt, den eine jüdische Mitbürgerin kurz vor ihrer Deportation nach Treblinka einer Freundin zur Aufbewahrung übergeben hatte.

„Der Koffer geriet in Vergessenheit und wurde erst vor kurzem von Familienmitgliedern der Freundin entdeckt. Er ist ein Erinnerungsstück, das durch seine Geschichte den Alltag der Nazizeit und die ganze Grausamkeit des Holocaust eindrucksvoll vor Augen führt und für sich spricht“, betont Landrat Oliver Quilling anlässlich der Übergabe des Koffers an das RegioMuseum durch die Finder.

Auf dem Koffer steht noch der Name seiner einstigen Eigentümerin: Sara Schloss. Die darunter stehende Kennnummer verweist auf ihr weiteres Schicksal. Sara Schloss wurde am 11. September 1942 nach Treblinka deportiert, wo sie schließlich ermordet wurde.

Eine bewegende Geschichte führte dazu, dass der Koffer ab sofort seinen Platz im RegioMuseum hat und ausgestellt werden kann. Sara Schloss kam am 17. April 1878 in Dudenhofen zur Welt. Sie und ihre ebenfalls unverheiratete Schwester Helene lebten in Seligenstadt in der Wallstraße 16 und verdienten ihren Lebensunterhalt als Näherinnen und Stickerinnen hochwertiger Kleidung. Beide waren mit der Familie Anton Walter befreundet, die in der Emmastraße einen Bauernhof hatte. Die ledige Schwester von Anton Walter, Eleonore Walter, arbeitete auf dem Hof ihres Bruders mit. Im Zuge der zunehmenden Judenverfolgung konnten Juden praktisch nichts mehr zu essen kaufen. Eleonore Walter unterstützte die beiden Geschwister Schloss, indem sie Lebensmittel in einer Mauernische zwischen ihrem Haus und der Brauerei Fecher bei Dunkelheit versteckte. Dank der vorgeschriebenen Verdunkelung konnten die Schwestern über die Waldstraße, Grabenstraße und den Steinweg diese Lebensmittel heimlich abholen und sie wurden so von Eleonore Walter mit dem Nötigsten versorgt. Dies war für alle Beteiligten ein riskantes Unterfangen, denn die Denunziation war allgegenwärtig, und die Unterstützung von Juden wurde mindestens mit einigen Monaten Gefängnis bestraft.

Rückblickend kann man sagen, dass sich „Lore“ Walter – wie sie genannt wurde – ihre Mitmenschlichkeit nicht verbieten ließ. Sie bewies in schwierigen Zeiten Mut, Prinzipien und Zivilcourage. Quilling: „Solche Menschen sind ein Vorbild für uns alle!“

Helene Schloss starb 1940 oder 1941. Genau weiß man das nicht mehr. Sara Schloss übergab den Koffer mit ihrer besten Wäsche kurz bevor sie von den Nazis deportiert wurde zur Aufbewahrung an Lore Walter mit den überlieferten Worten: "Wenn ich zurückkomme habe ich ein bisschen Wäsche." Doch Sara Schloss kehrte nie aus Treblinka zurück.

Der Koffer wurde in einem Nebengebäude des Walterschen Hofes aufbewahrt und geriet schließlich in Vergessenheit. Erst vor wenigen Jahren wurde er bei Aufräumarbeiten wieder entdeckt. Nun steht er als Mahnmal und Zeitzeugnis im RegioMuseum und die darin enthaltenen Wäschestücke bezeugen die traurige Geschichte der Geschwister Schloss.

„Gegenstände wie dieser Koffer werden immer wichtiger. Vor allem da die letzten Zeitzeugen des Holocaust demnächst nicht mehr unter uns weilen und von ihrem Schicksal berichten können. Umso höher wird der Stellenwert von Dingen des täglichen Lebens, die an den Völkermord an den Juden und die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern. Ich bin daher froh, dass wir den Koffer der Geschwister Schloss im RegioMuseum zeigen können“, so Landrat Oliver Quilling abschließend.