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11.06.2019

Bericht über Kinderarmut vorgestellt

Der Bericht „Gegen die Armut von Kindern“ wird dem Kreistag in seiner Sitzung am Mittwoch vorgelegt. Auf gut 40 Seiten sind Zahlen, Projekte und Leistungen dokumentiert. „Wir setzen alle verfügbaren Ressourcen ein, um die Folgen der Kinderarmut zu bekämpfen“, erklärt Kreisbeigeordneter Carsten Müller bei der Vorstellung des Berichts.

Im Kreisgebiet hat eine dynamische Entwicklung der Geburten und der Zuzüge eingesetzt und es ist so zu einem Anstieg von rund fünf Prozent der unter 18-Jährigen gekommen. Derzeit leben 61.088 Kinder und Jugendliche in den 13 Kommunen. Dies entspricht 17,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Bei steigender Gesamtzahl an Kindern und Jugendlichen hat sich die Quote der unter 18-jährigen Leistungsberechtigten gemäß SGB II seit 2016 verbessert. Seit 2017 liegen wir unterhalb des Landesdurchschnitts und aktuell bei 13,5 Prozent. Wermutstropfen ist allerdings, dass die Anzahl der Kinder in alleinerziehenden (plus 22,5 Prozent) und kinderreichen Familien (plus 17,2 Prozent) in dem zurückliegenden Jahrzehnt sehr viel deutlicher zugenommen hat, als die Altersgruppe insgesamt.

Die Trennung der Eltern ist einer der häufigsten Gründe für Kinderarmut. Die Fallzahlen der Unterhaltsvorschusskasse haben sich von 1.492 im Jahr 2008 auf 2.626 im Jahr 2018 fast verdoppelt. Die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket werden seit dem Inkrafttreten im Jahr 2011 immer mehr beantragt. Insgesamt wurden zwischen 2012 und 2018 101.530 verschiedene Leistungen bewilligt. Die Einzelleistungen erhöhten sich im Zeitraum 2012 bis 2018 von 10.922 auf 17.719. Es konnten im Jahr 2018 insgesamt 10.491 Kinder erreicht werden.

Die Entwicklung von einem begrenzten Modell-Projekt für benachteiligte Familien mit Kindern im ersten Lebensjahr hin zu einem kreisweiten Netzwerk von Angeboten der Frühen Hilfen für Familien mit Kindern im Alter von unter drei Jahren zeigt die hohe Bedeutung einer präventiven Ausrichtung der sozialen Infrastruktur bei der Bekämpfung von Armutsfolgen für Kinder. Die Anzahl der eingesetzten Familienhebammen wurde seit 2008 nahezu verdoppelt, die Anzahl der unterstützten Familien stieg um ein Vielfaches, die Kooperation von Gesundheitswesen und Jugendhilfe wurde intensiviert. Inzwischen hat der Bund hierfür einen gesetzlichen Auftrag erteilt und leistet einen unbefristeten finanziellen Beitrag. Aber auch der Bildungsbereich spielt bei der präventiven Armutsbekämpfung eine wesentliche Rolle. So leistet das neue Projekt Kita-Einstieg – Brücken in frühe Bildung zunächst an drei Standorten im Kreisgebiet einen wesentlichen präventiven Beitrag durch niedrigschwellige Angebote, die den Zugang von Kindern aus Familien mit besonderen Zugangshürden - darunter auch Familien mit Fluchthintergrund - zur Kindertagesbetreuung vorbereiten und unterstützend begleiten.

Erzieherische Überforderung von Familien in Zusammenhang mit Armutslagen stellt nach wie vor eine wesentliche Aufgabe für die Erziehungshilfen gemäß SGB VIII dar. Zunehmend ergeben sich auch Herausforderungen für Einrichtungen der Kindertagesbetreuung und für Schulen. Die gezielte Stärkung der Regelinstitutionen für Kinder wird daher in mehrfacher Hinsicht immer wichtiger. Insbesondere den Folgen der Ungleichverteilung von Kindern mit erhöhtem Bildungsbedarf auf diese Einrichtungen ist entgegenzuwirken.

Kinderarmut hat vielschichtige komplexe ökonomische, sozialpolitische und gesellschaftliche Ursachen, die mit den Möglichkeiten einer Gebietskörperschaft nicht wirksam zu bekämpfen sind. „Wir haben drei Kernbereiche identifiziert“, erläutert Carsten Müller, „die über den Ausgleich materieller Defizite hinaus gehen: Erstens die Sicherung der Grundlagen zur Förderung der Entwicklung und Erziehung eines jedes jungen Menschen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit, zweitens die Abwehr von Gefährdungen des Kindeswohls, die aufgrund der ökonomischen und sozialen Situation in erhöhtem Maße bestehen und drittens die Sicherung der Bildung und der Teilhabe am sozialen Leben. Gerade junge Menschen erleben Armut in ihrem Umfeld besonders intensiv, wenn andere Kinder und Jugendliche konsumieren und am sozialen Leben teilnehmen. Dies kann durch öffentliche Leistungen kaum ausgeglichen werden.“

„Wir wollen auf Basis dieses Berichts soziale Infrastruktur für Prävention und Bekämpfung der Folgen von Kinderarmut weiterentwickeln“, blickt der Kreisbeigeordnete Carsten Müller voraus. „Das schließt auch ein Konzept für ein kommunales Monitoring von Präventionsmaßnahmen und ein gemeinsames Qualitätsmanagement ein. Dabei sollen insbesondere die Zugänge zu den Angeboten und die lebensphasenspezifischen Übergänge gestärkt werden. Bereits erfolgreich umgesetzt werden die Kooperationsvereinbarungen des Allgemeinen Sozialen Dienstes mit dem SGB II Fallmanagement und den Frühen Hilfen zur Prozessbeschreibung an den Schnittstellen. Für die Angebote der Schulsozialarbeit in Grund- und weiterführenden Schulen streben wir eine wirksame fachliche Koordinierung an.“

„Für uns als Jugendhilfeträger ist es wichtig, möglichst viele Eltern, Kinder und Jugendliche frühzeitig zu erreichen“, betont der Jugenddezernent zum Abschluss. „Nur so schaffen wir es rechtzeitig gegen die Armut von Kindern gegenzusteuern. Ausdrücklich danke ich Gerlinde Rücker-Lindner, der ehemaligen Leiterin des Fachdienstes Jugend und Familie, und Joachim Hoehn, dem ehemaligen Bereichsleiter Sozial- und Jugendhilfeplanung, die beide trotz ihres Ruhestandes diesen Bericht noch erarbeitet haben.“