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30.04.2019

PRO Prävention erzielt positive Effekte

Bilanz des dreijährigen Projekts

Drei Jahre ist es her, dass der Kreis Offenbach das Projekt „PRO Prävention –gegen (religiös begründeten) Extremismus“ ins Leben gerufen hat. Gefördert von der Europäischen Union und dem Land Hessen war das Ziel, der Radikalisierung in religiös begründetem Extremismus vorzubeugen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Landrat Oliver Quilling zog gemeinsam mit Professorin Dr. Susanne Schröter von der Goethe Universität Frankfurt, die das Vorhaben wissenschaftlich begleitete, und Frank Schweitzer, dem Leiter des Hessischen Informations- und Kompetenzzentrums gegen Extremismus, am Dienstag-vormittag Bilanz. „In den zurückliegenden drei Jahren haben wir viele positive Effekte erzielt“, resümiert der Verwaltungschef. „Aber es bleiben Heraus-forderungen für die Zukunft. PRO Prävention, das bis zum Jahresende fortgesetzt wird, hat sich sehr gelohnt – gerade mit Blick auf die Nachhaltigkeit. Wir haben Strukturen geschaffen und Netzwerke geknüpft, von denen wir auf vielen Ebenen langfristig profitieren werden.“

Keine Bilanz ohne Zahlen: Im Laufe der 36 Monate erfolgten insgesamt 250 Aktivitäten, davon 146 Maßnahmen. An diesen Vorträgen, Informationsver-anstaltungen, Netzwerktreffen, Diskussionen, Fachtagungen und -gesprächen, Workshops, eintägigen oder mehrtägigen Weiterbildungen sowie eintägigen bis mehrmonatigen Projekten nahmen etwa 3.000 Personen teil, darunter 1.900 Fachkräfte, ehrenamtlich Engagierte sowie Bürgerinnen und Bürger. Circa 1.100 Jugendliche beziehungsweise junge Menschen wurden erreicht. Herausragend war unter anderem die bundesweite Fachtagung „Mit Gewalt ins Paradies?“, die im November 2018 in Offenbach stattfand. Gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung standen an zwei Tagen Themen und Methoden der Prävention gegen religiös-extremistische Radikalisierung im Mittelpunkt. Rund 150 Teilnehmende aus dem ganzen Bundesgebiet haben sich dabei über neue Ansätze, gute Praktiken und auch über gesellschaftliche Folgen von rechtsextremer und islamistischer Mobilisierung ausgetauscht. Ein weiteres Highlight ist die Ausstellung „Ich. Du. Wir. Comics über erlebte Vielfalt“, die aus der multireligiösen Jugendbegegnung „Glauben. Gemeinsam. Gestalten“ der Evangelischen Dekanate Rodgau und Dreieich sowie PRO Prävention entstanden ist. Dabei haben Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre eigenen Geschichten mitgebracht, die professionell von der Comic-Zeichnerin Soufeina Hamed als Comic umgesetzt wurden und nun als Ausstellung rund um die Themen Religion, Kultur und Toleranz auf Tour durch den Kreis Offenbach und die Region gehen. Ein weiteres nachhaltiges Ergebnis von PRO Prävention ist außerdem ein Netzwerk von Lehrkräften und Schulsozialarbeit. Sie bilden sich regelmäßig zu aktuellen Themen, die für ihren Schulunterricht relevant sind, fort. Das Schulnetzwerk ist ein gemeinsames Angebot der Partnerschaften für Demokratie im Kreis Offenbach und der Stadt Offenbach sowie PRO Prävention.

„Schulen spielen bei der Prävention von Extremismus eine besondere Rolle“, ergänzt Professorin Dr. Susanne Schröter die Handlungsfelder. „Hier können alle Kinder und Jugendliche erreicht werden, unabhängig von Weltanschauung, religiöser Überzeugung und Herkunft; hier kann Zusammenleben, das Lösen von Konflikten und Demokratie erlernt und praktiziert werden. Aus diesem Grund hat sich das Handlungsfeld Schule als einer von drei zentralen Schwerpunkten von PRO Prävention herausgestellt.“

„Radikalisierung und Extremismus muss mit einem ganzheitlichen und gesamtgesellschaftlichen Ansatz begegnet werden. Dass hierzu repressive sicherheitsbehördliche Befassungen als auch präventive Maßnahmenbündel erforderlich sind, ist unstrittig“, betont Frank Schweitzer, Leiter des im Hessischen Innenministerium angesiedelten Informations- und Kompetenz-zentrums gegen Extremismus (HKE). „In der Prävention kommt hierbei dem abgestimmten Handeln auf kommunaler Ebene besondere Bedeutung zu. Hier entstehen Beratungsbedarfe, weil das Leben dort stattfindet. Das beispielgebende Projekt PRO Prävention ist in seiner Koordinierungsfunktion kompetente Anlaufstelle für Fachkräfte, ehrenamtlich Engagierte und Jugendliche in der Region, steht aber auch in einem engen Austausch mit Behörden, Trägern der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft. Das Projekt hat erfolgreich und bundesweit beispielgebend umgesetzt, wie moderne und erfolgreiche Prävention gegen Radikalisierung und Extremismus funktioniert. Die Projektverantwortlichen beglückwünsche ich zur erfolgreichen Arbeit. Die Fortführung der Arbeit und die Übertragung der gewonnenen Erkenntnisse auf andere Regionen in Hessen empfehle ich ausdrücklich.“

„Viele Situationen zum Beispiel in der Schule, sehen vielleicht erst einmal aus wie Radikalisierung, stellen sich aber bei genauerem Hinsehen als religiös gerahmte Konflikte oder jugendliche Suchbewegungen heraus“, beschreibt Projektkoordinator Janusz Biene eine Erkenntnis der Projektarbeit. „Wir unterstützen dabei, mit diesen Situationen so umzugehen, dass sie nicht eskalieren.“ Mit Blick auf extremistische Gruppen stellt Biene fest: „In unseren Workshops nehmen wir auch Online-Propaganda auseinander. Dabei sehen wir, wie sich Islamisten und extrem Rechte in ihrer Ansprache junger Menschen ähneln und sich gegenseitig als Feindbilder brauchen.“ Das verbindende Element sei ihre Menschen- und Demokratiefeindlichkeit gegen die sich Präventionsarbeit richten muss.

Der Kreis Offenbach ist einer von nur zwei Landkreisen in Deutschland, der sich mit einem Projekt zur Vorbeugung von religiös begründetem Extremismus dieser Thematik stellt. Der andere Kreis ist der Landkreis Würzburg. „Wir sind ein international geprägter Kreis und Teil der Metropolregion FrankfurtRheinMain“, führt der Landrat aus. „Menschen aus rund 160 Nationen leben in den 13 Kommunen. Daher ist ein gesellschaftliches Miteinander für uns sehr wichtig. Ohne die großzügige finanzielle Unterstützung der Europäischen Union und des Hessischen Ministeriums des Innern und Sport wäre dieses Projekt nicht zu stemmen gewesen. Aber auch den zahlreichen Aktiven vor Ort gilt mein Dank, denn sie sind es, die problematische Tendenzen erkennen und sich für unser Zusammenleben stark machen. Nur durch ein enges Netzwerk von Kommunen, Vereinen und Gemeinden kann es gelingen, religiös gerahmte Konflikte zu lösen und Radikalisierung entgegenzutreten.“

Am Dienstagnachmittag fand im Kreishaus in Dietzenbach die öffentliche Fachveranstaltung „Radikalisierungsprävention in der Migrationsgesellschaft. Gute Praktiken und zukünftige Herausforderungen“ zum Projektabschluss statt. Fast 70 Teilnehmende richteten einen Blick auf aktuelle und zukünftige Herausforderungen. Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Ahmet Toprak von der Fachhochschule Dortmund und Professorin Dr. Susanne Schröter von der Goethe Universität Frankfurt gaben spannende Impulse in ihren Referaten.