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22.11.2022

Kreis stellt neue Broschüre über Trauer- und Bestattungsrituale vor

Im Leben ist nichts so sicher wie der Tod. Um das Thema Sterben ranken sich viele Erzählungen und Mythen. Vor allem bei der Frage, was danach passiert, gehen die Vorstellungen der Menschen auseinander. Der Glaube ist ein weites Feld, auf dem verschiedene Gemeinschaften und Religionen Hoffnung säen und Orientierung geben möchten. Ebenso unterschiedlich ist auch bei einem Todesfall das Verhalten der Angehörigen. Die ganze Vielfalt der Trauer- und Bestattungsrituale hat das Integrationsbüro des Kreises Offenbach in einer Broschüre zusammengestellt. Erste Kreisbeigeordnete Claudia Jäger hat gemeinsam mit dem Bürgermeister der Kreisstadt Dietzenbach, Dr. Dieter Lang, sowie dem Redaktionsteam die rund 50 Seiten starke Übersicht am Dienstag im „Garten der Religionen“ auf dem Dietzenbacher Friedhof vorgestellt.

„Traditionell hat der Tod in allen Religionen und Kulturen schon immer einen festen Platz. Für Verstorbene gibt es Zeremonien und Begräbnisrituale, durch die der Übergang in eine andere Welt würdevoll gestaltet wird. Davon erzählt unsere neue Broschüre. Sie beschreibt eindrucksvoll, wie das Lebensende gestaltet wird und welche Möglichkeiten Hinterbliebene haben, im angemessenen Rahmen Abschied zu nehmen“, sagte Claudia Jäger bei der Präsentation der Broschüre, die in den November, die mit Volkstrauertag und Totensonntag eher stille Zeit gelegt wurde.

Die Broschüre zählt alle im Kreis Offenbach angebotenen Bestattungsarten auf und erläutert die Möglichkeiten, die in einer Kommune auf einem bestimmten Friedhof angeboten werden. Ein Kapitel informiert über gesetzliche Rahmenbestimmungen von Bestattungen und gibt Ratschläge, beispielsweise dass bei der Auswahl der Grabstätte geklärt werden müsse, ob später weitere verstorbene Familienmitglieder dort bestattet werden sollen.

Gegliedert ist das Heft nach Religionen. Beschrieben werden viele Details über die Trauer- und Bestattungsrituale im Christen- und Judentum, im Islam, im Alevitentum, im Bahaitum, im Hinduismus sowie im Buddhismus. Mitgearbeitet haben an der Broschüre verschiedene Religionsgemeinschaften und Institutionen, dazu gehören unter anderem Ismail Kaplan, Bildungsbeauftragter der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF a.D.), Pfarrer Holger Allmenröder, Katholisches Dekanat Seligenstadt, Renate Bottmann, Bahá’i Gemeinde Dietzenbach, Henryk Fridman, Jüdische Gemeinde Offenbach, Erdogan Karakaya, Islamwissenschaftler M.A. sowie Pfarrerin Sandra Scholz vom Evangelischen Dekanat Dreieich-Rodgau.

„Im Kreis Offenbach sind Menschen aus rund 180 Nationen, somit aus vielen verschiedenen Kulturen zuhause. Wenn man mehr über die vielfältigen Traditionen weiß und die Gepflogenheiten sowie Rituale bei einem Todesfall kennt, trägt das zu einem besseren Verständnis bei“, sagte Erste Kreisbeigeordnete Claudia Jäger. Die Beschäftigung mit den Ritualen rund um Abschied und Beisetzung ebnet den Weg zu mehr Empathie und ermöglicht einen sensibleren Umgang mit Tod und Vergänglichkeit.

Die Autorinnen und Autoren stellen fest, dass die meisten Unterschiede zum Thema Tod und Auferstehung eher innerhalb der Konfessionen und weniger zwischen ihnen zu finden sind. Die Sichtweisen hängen mehr mit der kulturellen als mit der konfessionellen Identität zusammen. Im Kreis Offenbach gibt es viele Kulturen, in denen Menschen sich stark über die Zugehörigkeit zu einer Familie definieren. Sie wünschen sich auch im Jenseits, an einer solchen Gemeinschaft teilhaben zu können.

Die Feuerbestattung ist bei katholischen und evangelischen Christen inzwischen weit verbreitet. Sehr gefragt sind bei Bestattungen aktuell auch Friedwälder, Urnenwände sowie pflegeleichte Rasengräber. Diese Formen haben nicht zwingend etwas mit der Religiosität eines Menschen zu tun, sondern sind vom persönlichen Lebensentwurf der Verstorbenen geprägt. Insbesondere bei Christen wächst das Bedürfnis der Angehörigen, der Trauerfeier mittels Musik und Texten, die den Verstorbenen wichtig waren, eine persönliche Note zu geben.

Im Heft werden auch die wiederhergerichteten jüdischen Friedhöfe vorgestellt. Sie stehen als Mahnmal gegen Antisemitismus und gegen Intoleranz gegenüber unterschiedlichen Glaubens- und Lebensentwürfen. Im Kapitel über das Judentum erfahren Leserinnen und Leser etwa, dass Angehörige den Verstorbenen bei der Seelenreinigung helfen können. Sie beten nach dem Tod elf Monate lang jeden Tag für sie. Die Trauerzeit „Aninut“ entbindet die Trauernden bis zum Begräbnis der verstorbenen Person von allen sonstigen religiösen Pflichten. Am Jahrestag trifft man sich am Grab, um Psalme zu sprechen und sich gemeinsam zu erinnern und zu beten. Der Gedenkprozess dient im Judentum dazu, die Verstorbenen unter den Gedenkenden weiterleben zu lassen.

Bei aller Diversität kultureller Strukturen finden sich in den unterschiedlichen Religionen rund um das Thema Tod und Bestattung immer wieder Gemeinsamkeiten. Wie im Judentum, so spielt auch bei Christen oder im Islam das soziale Miteinander im Trauerfall eine große Rolle. Kurz nach dem Tod und der Bestattung einer geliebten Person, sollen Verwandte, Nachbarn und Freunde den Hinterbliebenen ihre Kondolenz durch Besuche ausdrücken. Damit signalisieren sie, dass die Familie mit ihrer Trauer nicht allein ist.

Eine weitere Parallele: In der islamischen Lehre wird der Tod nicht als das Ende, sondern als ein Übergang beziehungsweise ein Zurückgehen zum Ursprung, also zu Gott, gesehen. Im Alevitentum werden die Verstorbenen auch die „Zur-Wahrheit-Gehenden“ bezeichnet. Der Islam versteht verstorbene Menschen als Vorausgehende ins Jenseits. Die Erinnerung an das persönliche Sterben soll zu einer Neuausrichtung des irdischen Daseins führen.

Verschönert wird die Broschüre zwischen den Texten durch viele Bilder von Friedhöfen und Grabstätten. Passend zum Thema Vergänglichkeit bereichern Psalme und Aphorismen die Lektüre. Aus einer buddhistischen Quelle stammt beispielsweise der Spruch: „Wenn wir verstehen, dass wir mit allen Lebewesen verbunden sind, verlieren wir die Angst.“ Die Sprüche regen vor allem in Zeiten von Krieg, Krisen und Klimawandel zum Nachdenken an und können den Raum für Kontemplation öffnen, wie etwa der Gedanke des indischen Pazifisten Mahatma Gandhi über das Abschied nehmen: „Wer einen Fluss überquert, muss die eine Seite verlassen.“

Im Internet ist die Broschüre unter www.kreis-offenbach.de/Trauer&Bestattungsrituale abzurufen.