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14.06.2019

Eltern gesucht! Pflegekinder brauchen eine Familie

Doris und Josef Lindenau gaben in zehn Jahren 25 Mädchen und Jungen Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Kinder sind die schwächsten und schutzwürdigsten Mitglieder unserer Gesellschaft. Immer wieder entsteht die Situation, dass Kinder nicht in ihren Familien leben können. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von Vernachlässigung über Suchtprobleme der Eltern bis hin zur Gewalt in der Familie. Schon seit langem setzt die moderne Jugendhilfe darauf, Heimaufenthalte weitestgehend zu vermeiden und stattdessen für die betroffenen Kinder ein vorübergehendes oder dauerhaftes Zuhause zu finden. „Pflegeeltern sind daher zu einem unverzichtbaren Baustein in der Jugendhilfe geworden“, erklärt dazu Sozialdezernent Carsten Müller anlässlich eine Dankeschön-Nachmittags für Pflegeeltern, „Denn sie bieten Kindern die Möglichkeit, in einem familiären Umfeld aufzuwachsen.“

Grundsätzlich gibt es zwei ganz unterschiedliche Modelle einer Pflegeelternschaft, zum einen die Bereitschafts- und zum anderen die Vollzeitpflege. 94 Mädchen und Jungen werden im Kreis Offenbach zurzeit als Pflegekinder in Vollzeitpflege betreut. Hier leben die Kinder in der Regel dauerhaft in einer Familie, bis sie junge Erwachsene sind. Derzeit engagieren sich hier 79 Familien. In die Bereitschaftspflege werden Kinder vom Säugling bis zum Alter von maximal drei Jahren auf Zeit betreut. Sie verbleiben manchmal nur wenige Tage - höchstens allerdings ein Jahr - in den verschiedenen Betreuungsfamilien. Zielsetzung ist es, in dieser Zeit eine Entscheidung zu treffen, wie die Zukunft der Kinder dauerhaft aussehen soll. Im Fokus steht dabei immer das Kindeswohl, das oberste Priorität genießt. Derzeit befinden sich elf Kinder im Kreis in Bereitschaftspflege. Gerade in diesem Bereich werden daher dringend Pflegefamilien gesucht. Lediglich zehn Familien stehen aktuell im Kreis bereit, um solche Kinder im Notfall aufzunehmen und zu betreuen.

Potentielle Pflegeltern erhalten professionelle Unterstützung. Der Pflegekinderdienst bietet eine intensive Vorbereitung, eine regelmäßige Beratung durch persönliche Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner im Fachdienst Jugend und Familie. Außerdem ist der Austausch mit anderen Pflegeeltern möglich. Natürlich wird auch der finanzielle Aufwand mit einem Pflegegeld erstattet. Ganz wichtig ist für Pflegeeltern, dass sie Spaß und Freude am Umgang mit Kindern haben, über ausreichend Zeit und Platz für das Zusammenleben mit einem Kind verfügen und bereit sind, mit den Mitarbeitern des Pflegekinderdienstes und den leiblichen Eltern im Interesse des Kindes zusammenzuarbeiten.

Carsten Müller: „In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, dass das ‚Ja‘ zur Pflegeelternschaft sehr wohl überlegt sein will, denn es bedeutet immer gravierende Veränderungen in der aufnehmenden Familie. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit Pflegeeltern zeigen jedoch immer wieder, dass es letztlich für alle Beteiligten eine Win-win-Situation ist.“

Dies zeigt eindrucksvoll das Beispiel der Familie Lindenau. Doris und Josef Lindenau wollten vor über zehn Jahren „etwas Gutes tun“! Der kirchliche Kindergarten, in dem Doris Lindenau arbeitete, musste schließen. Sie suchte nach einer neuen Aufgabe. Gemeinsam kamen beide Ehepartner zu dem Entschluss, Pflegeeltern zu werden, um Kindern in Not zu helfen.

Dass der Kreis Offenbach Pflegeeltern sucht, hatten sie zuvor in der Zeitung gelesen. Sie riefen an und erklärten sich bereit, sich in der Bereitschaftspflege zu engagieren. Nach einer intensiven Vorbereitung ging „alles sehr flott“, erinnert sich Josef Lindenau. „Das erste Kind übernahmen wir quasi sofort nach den Schulungen und Vorgesprächen!“ Insgesamt wurden es 25 Kinder, denen die Lindenaus einen Neuanfang in einem intakten Familienumfeld ermöglichten. Nun wollen sich die beiden Langener ganz ihrem Enkel widmen und werden deshalb nicht mehr als Pflegeeltern tätig sein.

Jugenddezernent Carsten Müller ist voll des Lobes, wenn er von den Lindenaus spricht. „Wir haben die Eheleute Lindenau während der gesamten Zeit als engagierte, empathische und beherzte Pflegeeltern erlebt, die sich gut in die Situation der aufgenommenen Kinder einfühlen konnten“, betont Müller.

Gerade in der Gruppe der Bereitschaftspflegefamilien spielten die Lindenaus eine tragende Rolle. Sie nahmen an Wochenendseminaren, Pflegeelterntreffen und Supervisionen teil und trugen durch ihr Bemühen, stets Brücken zu bauen, zu einer konstruktiven Atmosphäre bei. So luden sie die Gruppe der Bereitschaftspflegefamilien in der Adventszeit wiederholt zu sich nach Hause ein. Außerdem haben sich die Lindenaus für neue Pflegefamilien als Ansprechpartner zur Verfügung gestellt.

„Natürlich zweifelt man auch! Gerade zu Beginn hatten wir etwas Angst vor den Reaktionen in unserem Umfeld“, erzählt Doris Lindenau. „Unsere Befürchtung war. Hoffentlich denkt niemand, wir tun das nur wegen des Geldes!“ Eine Sorge, die sich als unnötig erwies. Josef Lindenau: „Wir bekamen unglaublich viel positive Rückmeldungen. ‚Toll, dass ihr so etwas macht. Wir könnten das nicht. Die Kinder dann wieder weggeben. Das würde uns das Herz brechen!“ So oder ähnlich reagierten Freunde und Bekannte, wenn das Gespräch auf die Pflegeelternschaft der Lindenaus kam.

In der Tat fiel es auch Familie Lindenau nicht immer leicht loszulassen. „Natürlich wachsen einem die Jungen und Mädchen in einer gewissen Weise ans Herz“, erzählt die 56-jährige Doris Lindenau. „Und das ist auch gut so! Wir sagten uns allerdings: Wir müssen das sehen wie die Aufgabe einer Kinderkrankenschwester. Wir helfen und begleiten, hören zu und unterstützen. Aber die Krankenschwester kann auch nicht das Kind mit nach Hause nehmen und einfach behalten!“

Für die Lindenaus war das Ganze jedoch trotzdem eine „Herzensangelegenheit“. Josef Lindenau: „Die Aufgabe wird angemessen bezahlt! Aber den Stundenlohn darf man dennoch nicht herunter rechnen. Geld kann daher niemals der entscheidende Faktor sein, eine Pflegschaft zu übernehmen. Pflegeltern müssen vielmehr Verständnis für die Nöte und Lebensumstände anderer mitbringen, Kinder ermutigen und ihnen Geborgenheit geben können. Sie sollten zudem die Erfahrung gemacht haben, dass Krisen zu einer Beziehung und zum Alltag überhaupt gehören. Außerdem braucht es Empathie und ein Stück Idealismus! Davon hatten wir reichlich!“ Josef Lindenau lacht.

Dennoch stießen die Lindenaus auch an emotionale Grenzen. „Ein Pflegekind war mehrere Jahre bei uns. Der Vater saß im Gefängnis. Die Mutter war überfordert“, sagt Josef Lindenau und man merkt, dass ihn die Erinnerung an das Kind innerlich bewegt. Eine Dauerpflegestelle fand sich nicht, weil es keine Pflegeeltern gab, die bereit waren, einmal im Monat mit dem Kind den leiblichen Vater in der Justizvollzugsanstalt zu besuchen. „Pflegeeltern nehmen ja nicht nur die Kinder auf, sondern haben in der Bereitschaftspflege auch immer wieder mit den leiblichen Eltern zu tun. Das vergisst man oft“, macht der 58-jährige Lindenau deutlich.

Schließlich sollte das Kind zurück zu seiner Mutter. Auch dieser Versuch schlug fehl. Das Kind blieb bei den Lindenaus. Als es dann dauerhaft zu einer neuen Familie kam, blockierte bei Josef Lindenau etwas. „Ich konnte mich für einige Monate nicht mehr an den Namen erinnern. Ich hatte ihn verdrängt. Vermutlich hat mich das Ganze mehr mitgenommen, als ich mir nach außen hin eingestehen wollte.“ Lindenau kommt ins Stocken. Seine Stimme klingt erneut nachdenklich.

Insgesamt jedoch überwogen für die Lindenaus eindeutig die schönen Momente. Doris Lindenau: „Unser leiblicher Sohn war zuvor Einzelkind. Seine Pflegegeschwister haben ihm und seiner Entwicklung gutgetan. Er verfügt heute über ein ausgeprägtes soziales Gewissen und einen Sinn für Gerechtigkeit. Hinzu kommt: Wer Kindern ein zu Hause gibt, hilft eben sehr konkret!“ Eine Tatsache, die Doris Lindenau ungemein wichtig ist. „Einmal kamen zwei Geschwister - zwei und vier Jahre - zu uns. Als wir sie entgegennahmen, konnten sie kaum mehr als ein paar Worte sprechen, waren verschlossen und misstrauisch. Die beiden blühten nach ein paar Monaten richtig auf, waren offen für Neues und machten auch in ihrer emotionalen Entwicklung einen gewaltigen Schritt nach vorn. Wenn wir die beiden lachen sahen, entschädigte das sofort für vieles!“

Wer - wie einst die Lindenaus - mit dem Gedanken spielt, die Pflegschaft für ein Kind zu übernehmen, kann sich montags bis freitags von 9:00 Uhr bis 12:00 Uhr unter Telefon 06074 8180-3325 an den Pflegekinderdienst des Kreises Offenbach wenden.