Zeitreise von Einhard bis zu den Hugenotten
Historia magistra vitae – Geschichte ist eine Lehrmeisterin des Lebens. Wer den Kreis Offenbach bereist, begegnet dieser Weisheit des römischen Politikers Marcus Tullius Cicero nicht als ferner Kulisse, sondern als ständiger Begleiter: Klöster und Basiliken, Burgruinen und Fachwerkzeilen, barocke Residenzen und planvoll angelegte Siedlungen treten in einen Dialog mit der Gegenwart. Das Ergebnis ist ein architektonisches Miteinander, das Identität stiftet und einen verlässlichen Zugang zur Geschichte der gesamten Region eröffnet.
Als Startpunkt einer historischen Tour durch den Kreis bietet sich Seligenstadt an. Im neunten Jahrhundert ließ Einhard, ein Vertrauter Karls des Großen, am Mainübergang eine karolingische Pfeilerbasilika errichten – bestimmt für die Verehrung der Märtyrer Marcellinus und Petrus, deren Reliquien 828 hierher gelangten. Die klare Raumwirkung des Mittelschiffs ist bis heute erfahrbar. Zusammen mit der ehemaligen Benediktinerabtei bildet die Anlage einen seltenen, beinahe unversehrten Zusammenhang, in dem Liturgie, Gelehrsamkeit und klösterliche Wirtschaft einst ineinandergriffen. Mit der Säkularisation 1803 endete das monastische Leben, doch die Bauten blieben erhalten und prägen, sorgsam gepflegt, bis heute den Charakter der Stadt. Im Konventbau der Klosteranlage vertieft das RegioMuseum des Kreises Offenbach die Historie Seligenstadts. Exponate und Führungen erschließen die Epochen vom neunten bis ins 19. Jahrhundert und verbinden den Kirchenraum mit seinem kulturgeschichtlichen Hintergrund.
Von der Mainaue führt der historische Bogen weiter in den Dreieichwald, nach Dreieich-Dreieichenhain. Die Ruine der Burg Hayn, einst Sitz kaiserlicher Reichsvögte im Wildbann Dreieich, zeugt bis heute von den eindrucksvollen Maßstäben hochmittelalterlicher Wehr- und Wohnarchitektur. Mit rund 14 Metern Durchmesser gehört ihr Bergfried zu den größten seiner Art in Deutschland. Die Burg ist Denkmal und Bühne zugleich: Seit mehr als einem Jahrhundert dienen Mauern und Burggarten als Kulisse für Aufführungen. Die Burgfestspiele sind inzwischen weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt und ziehen Künstlerinnen und Künstler mit internationalem Renommee an. Alljährlich am zweiten September-Wochenende erweckt das Mittelalter in der Burg, wenn zahlreiche Fans zum Hayner Burgfest nach Dreieichenhain strömen.
Ein Kapitel aus dem 17. Jahrhundert eröffnet sich in Neu-Isenburg. Im Jahr 1699 gewährte Graf Johann Philipp hugenottischen Glaubensflüchtlingen Siedlungsland südlich von Frankfurt. Am 24. Juli leisteten 34 Familien im Offenbacher Schloss den Treueeid. Die planmäßig angelegte Ursprungssiedlung besitzt bis heute einen klar erkennbaren, denkmalgeschützten Stadtgrundriss – ein etwa 250 mal 250 Meter großes Quadrat mit vier diagonal verlaufenden Gassen, die sich am Marktplatz kreuzen. An dieser Stelle beginnen oftmals Führungen, die zusammen mit dem Hugenotten- und Waldenserpfad die historischen Geschehnisse in einen größeren Kontext einbinden. Aus Migration, Handwerk und Gemeinsinn entstanden – steht Neu-Isenburg für eine frühe Form moderner Stadtentwicklung.
Heusenstamm setzt den barocken Akzent. Nachdem 1661 die Herrschaft an die Familie Schönborn übergegangen war, entstand von 1663 bis 1668 auf dem Vorhof der alten Burg das heutige Schloss. Von 1739 bis 1742 folgten die Seitenflügel. In Sichtweite erhebt sich Sankt Cäcilia, eine Barockkirche Balthasar Neumanns, deren Bau 1739 begann und 1756 vollendet wurde. Schloss und Kirche bilden ein einzigartiges Ensemble, in dem politische, religiöse und baukünstlerische Traditionen ihrer Zeit aufeinandertreffen.
Als zusätzliche Station lohnt sich ein Blick auf Schloss Wolfsgarten bei Langen. Das ehemalige Jagdschloss ließ Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt von 1722 bis 1724 nach Plänen von Louis Remy de la Fosse errichten. Später wurde es zur Sommerresidenz der großherzoglichen Familie. Der von der Hessischen Hausstiftung betreute Park öffnet punktuell – beispielsweise zum Fürstlichen Gartenfest im September – und gewährt dann Einblicke in ein herausragendes Zeugnis landgräflicher Jagd- und Gartenkultur.
All diese Orte erzählen keine getrennten Geschichten. Sie gehören – jeder mit eigenem Schwerpunkt – zu einem zusammenhängenden Kulturraum, in dem Reichsverwaltung und Klosterökonomie, Glaubensflucht und Stadtgründung, barocke Repräsentation und bürgerliches Engagement ihre Spuren hinterlassen haben. Wer einen Tag Zeit mitbringt, kann die karolingische Basilika und das Kloster in Seligenstadt, die Burg und Altstadt in Dreieichenhain, die Hugenottenstadt Neu-Isenburg, Schloss und Kirche in Heusenstamm sowie – sofern geöffnet – den Park von Wolfsgarten besuchen. So entsteht auf kurzen Wegen ein eindrucksvolles Bild von einer Region zwischen Frühmittelalter, Barock und Moderne.