Wenn schnelle Hilfe Leben rettet
Reanimierte Patientin dankt Voraushelfern und Rettungskräften
Ein ganz besonderes Anliegen hat Margret Hüter am Dienstag zum Eigenbetrieb Rettungsdienst des Kreises Offenbach (kurz: ERD) geführt: Die heute 63-Jährige wollte sich persönlich bei ihren Lebensretterinnen und -rettern bedanken. Dass sie beim Treffen auf dem Gelände in der Gottlieb-Daimler-Straße in Dietzenbach gesund vor die Anwesenden treten konnte, ist dem schnellen und entschlossenen Zusammenspiel aller Beteiligten der Rettungskette zu verdanken. Gerade ihr Fall macht deutlich, welch wichtige Rolle dabei auch die ehrenamtlichen Voraushelferinnen und -helfer spielen.
Der 1. Mai 2025 war eigentlich ein schöner Tag. Die Tennisabteilung der Turngemeinde Dietzenbach läutete die neue Saison mit einem Fest auf dem Vereinsgelände ein. Bei bestem Feiertagswetter hatte sich auch Margret Hüter unter die Gäste gemischt. Zeugen berichteten später, dass sie plötzlich zusammenbrach. Herz-Kreislauf-Stillstand. Ersthelfer kümmerten sich um sie, setzten einen Notruf ab. Die Leitstelle des ERD alarmierte daraufhin nicht nur Notarzt und Rettungsdienst, sondern parallel auch Voraushelferin Stephanie Hoffmann sowie Voraushelfer Oktay Adiyaman. Beide wohnen jeweils in der Nähe der Tennisplätze und machten sich sofort auf den Weg. Noch vor dem Eintreffen der Einsatzkräfte starteten sie mit Vereinsmitgliedern die Reanimation. Dabei kam auch der im Tennisclub aufgehängte Defibrillator zum Einsatz.
„Ich verdanke mein Leben Menschen, die nicht gezögert haben. Dass so schnell Hilfe da war, noch bevor der Rettungsdienst eintraf, hat mir eine zweite Chance gegeben. Daher möchte ich einfach Danke sagen: für Euren Mut, Eure Zeit und dafür, dass Ihr da wart, als es auf jede Sekunde ankam“, sagte Margret Hüter während des Termins. Für die Retterinnen und Retter war ihr Besuch ein bewegender Moment. „Erst- und Voraushelfer, aber auch die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes begleiten die Patientinnen und Patienten nur während des Einsatzes – und der endet spätestens an der Kliniktür. Sie wissen normalerweise nicht, was danach aus ihnen wird. Margret Hüter heute gesund wiederzusehen, ist deshalb für alle Beteiligten eine tolle Bestätigung ihrer Arbeit“, erklärte Sebastian Bergold, der Leiter des Voraushelfer-Systems beim ERD. „Außerdem macht der Besuch hautnah für uns alle erlebbar, wie überlebenswichtig schnelles Handeln bei einem Kreislaufstillstand ist. Er zeigt die Bedeutung eines schlagkräftigen Voraus-Helfer-Systems sowie der professionellen Zusammenarbeit aller Mitglieder der Rettungskette.“
In Deutschland ist der plötzliche Herztod mit bis 200.000 Fällen pro Jahr immer noch die häufigste vermeidbare Todesursache. Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand kommt es auf jede Sekunde an. Um die Überlebenschancen der Betroffenen zu erhöhen, hat der ERD im Mai 2024 das Voraushelfer-System im Kreis Offenbach gestartet. Seitdem werden Ehrenamtliche – die eine medizinische Vorbildung besitzen – von der Zentralen Leitstelle direkt per App alarmiert, wenn sich in ihrer unmittelbaren Umgebung ein entsprechender Notfall ereignet. Die Voraushelferinnen und Voraushelfer eilen zu Hilfe und überbrücken mit qualifizierten basismedizinischen Maßnahmen die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes.
Aktuell sind 552 Ehrenamtliche als Voraushelferinnen und Voraushelfer im Kreisgebiet registriert. Wie effektiv ihr Engagement ist, unterstreichen die Zahlen bis zum Stichtag 31. Dezember 2025: Insgesamt hat das Voraushelfer-System bei 902 Einsätzen gegriffen. In 230 Fällen handelte es sich um Reanimationssituationen, in den übrigen um Einsätze mit Bewusstlosen oder bei drohendem Ersticken durch das Verschlucken von Fremdkörpern. Der jüngste Patient war fünf Tage, der älteste 101 Jahre alt. Trafen sie vor dem Rettungsdienst ein, waren die Voraushelferinnen und Voraushelfer im Schnitt 2:46 Minuten früher an der Einsatzstelle.
Auch medizinisch zeigt sich der Vorteil deutlich: War jemand vom Voraushelfer-System bei einer Reanimation vor Ort, kam es in 19,3 Prozent der Fälle zum Wiedererlangen eines eigenen Kreislaufs. Ohne Voraushelfende lag dieser Wert bei 12,9 Prozent. In 6,7 Prozent der Voraushelfer-Einsätze kamen die Betroffenen unter Reanimation ins Krankenhaus, ohne sie in 6,2 Prozent der Fälle. Ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass das Überleben der Patientinnen und Patienten durch das Voraushelfer-System wahrscheinlicher wird. Zudem steigen durch das schnelle Eingreifen auch die Chancen auf eine Genesung ohne schwerwiegende Folgeschäden – wie im Fall von Margret Hüter.
Landrat Oliver Quilling, unter dessen Schirmherrschaft das Voraushelfer-Projekt steht, würdigte den herausragenden Einsatz und die perfekte Zusammenarbeit aller Beteiligten: „Margret Hüter ist der lebende Beweis, was für einen Unterschied es machen kann, wenn sich Menschen umeinander kümmern und sich engagieren. Dass medizinisch ausgebildete Ehrenamtliche im Ernstfall so schnell helfen und die Rettungskette unterstützen, ist ein enormer Gewinn für die Sicherheit aller im Kreis Offenbach. Dieses Engagement verdient größten Respekt und unsere volle Unterstützung.“
Voraushelferin beziehungsweise Voraushelfer kann jede Person mit medizinischer Vorbildung werden, etwa Feuerwehr- sowie Einsatzsanitäterinnen und -sanitäter, Pflegefachkräfte oder medizinische Fachangestellte. Interessierte werden gezielt geschult, mit Einsatzrucksäcken ausgestattet und eng begleitet. „Ich habe mich als Voraushelfer angemeldet, ohne zu wissen, ob ich jemals gebraucht werde“, sagte Voraushelfer Oktay Adiyaman, der aktuell auch eine Ausbildung zum Notfallsanitäter beim ERD absolviert. „In diesem Fall hat das System genau so funktioniert, wie es gedacht ist. Wir waren schnell vor Ort und haben gehandelt. Dass die Patientin heute gesund vor uns steht, zeigt, wie wichtig diese Vision ist und dass sie Menschenleben retten kann.“
Weitere Informationen zum Voraushelfer-System sowie zur Anmeldung sind unter www.erd-kreis-of.de/voraushelfer abrufbar.