Im Praxistest zeigt sich die Qualität des Nahverkehrs
Kreis Offenbach prüft Alltagstauglichkeit von Bus- und Bahnstrecken
Verkehrsfachleute, Sachverständige, Mitglieder aus Gremien des Öffentlichen Personennahverkehrs sowie Bürgermeister und andere Kommunalpolitiker haben am Dienstag bei einer Tour durch den Kreis Offenbach das Mobilitätsangebot unter realistischen Bedingungen getestet. Die rund 30 Teilnehmenden des vom Kreis Offenbach organisierten sogenannten „ÖPNVenture“ waren in zwei Gruppen auf verschiedenen Linien jeweils vier Stunden mit Bus und Bahn unterwegs und sammelten wichtige Eindrücke zur Alltagstauglichkeit des Gesamtsystems. „Wir starten nicht als besondere Reisegruppe zu einer inszenierten Besichtigung oder einer Schönwetterfahrt, sondern nutzen den Nahverkehr bewusst so, wie es alle regulären Fahrgäste tun“, sagte Kreisbeigeordneter Alexander Böhn am zentralen Omnibusbahnhof neben der Mobilitätszentrale mitten in der Kreisstadt Dietzenbach, wo die Fahrt nach Seligenstadt, Obertshausen, Neu-Isenburg, Dreieich und Rödermark beziehungsweise in umgekehrter Fahrtrichtung um 9:46 Uhr mit den Buslinien OF-99 und OF-95 begann.
Im Mittelpunkt der Rundfahrt mit mehreren Umsteigestationen stand die konkrete Nutzererfahrung im Systemverbund von Bus und Bahn. Getestet wurden die infrastrukturelle Beschaffenheit und die betriebliche Leistungsfähigkeit des öffentlichen Personennahverkehrs. Die Gruppe achtete auf verschiedene Qualitätsindikatoren, die für die Bewertung des Verkehrsnetzes entscheidend sind, und fand während der Tour Antworten auf Fragen etwa nach der Sauberkeit der Busse, Bahnen und Stationen oder ob Toiletten vorhanden und gut erreichbar sind. Beim Praxistest beschäftigten sich die Teilnehmenden auch mit der Barrierefreiheit, dem Sicherheitsempfinden auf Bahnhöfen, den Sitzgelegenheiten und Überdachungen der Bushaltestellen, der Qualität der Fahrradabstellanlagen sowie der Internetverbindung in Bus und Bahn.
Ein Kriterium im Bewertungskatalog war auch die Beschilderung und Wegeführung auf Bahnhöfen, die nicht immer bei der Orientierung hilft. In Neu-Isenburg steht beispielsweise als Hinweis, wo die Busse abfahren, auf Schildern „Ostseite“ und „Westseite“. Für Fahrgäste, die die Himmelsrichtungen vor Ort nicht ad hoc erkennen, bietet diese Beschilderung keine Orientierung. Manche Verspätung von Bussen ist keine Momentaufnahme, sondern schon programmiert, so wie die seit Monaten gesperrte Straße von Neu-Isenburg nach Heusenstamm. Der Umweg führt über Dietzenbach. Der Verkehr fließt nur – quasi als Einbahnstraße – in der Richtung von der Schlossstadt zur Hugenottenstadt.
„Unsere Rundfahrt hat gezeigt, dass wir im Kreis ein richtig gutes Angebot im öffentlichen Personennahverkehr zur Verfügung stellen“, sagte Kreisbeigeordneter Alexander Böhn. „Das ist eine solide Grundlage. Aber wir haben auch vor Ort gesehen, dass Pünktlichkeit nicht allein vom Verkehrsbetrieb oder den Fahrplänen abhängt, sondern oft von äußeren Umständen wie zu engen Straßen, zugeparkten Wegen und Umleitungen beeinflusst wird. Auch sobald viele Menschen zusteigen, die im Bus erst noch Fahrscheine lösen müssen, wird es zeitlich knapp. An solchen Punkten muss nachgebessert werden, um die Attraktivität gegenüber dem Individualverkehr weiter zu steigern.“
Wie umfangreich die Angebote im ÖPNV sind, machen die Zahlen zur Verkehrsleistung deutlich. Das Netz umfasst elf Linien des Rhein-Main-Verkehrsverbundes, 16 der kvgOF (inklusive Waldseebus) sowie zehn der Stadtwerke. Das ergibt eine jährliche Gesamtleistung von rund 7,6 Millionen Kilometern. An einem durchschnittlichen Wochentag legen die Busse und Bahnen im Kreis Offenbach knapp 22.500 Kilometer zurück. Von den insgesamt 132 eingesetzten Bussen verfügen bereits 86 über Hybridantriebe, was die ökologische Transformation der Flotte unterstreicht.
Nach der erlebnisreichen Tour haben die Teilnehmenden am Nachmittag im Kreishaus ihre Erfahrungen und persönlichen Eindrücke diskutiert. In Arbeitsgruppen wurden unter der Regie von Prof. Dr. Jürgen Follmann von der Hochschule Darmstadt, der den Kreis Offenbach seit Jahren bei der Umsetzung des „Leitbildes Mobilität“ unterstützt, positive Erfahrungen und kritische Beobachtungen systematisch gegenübergestellt. „Die Rückmeldungen sind in großen Teilen positiv“, resümierte Prof. Dr. Jürgen Follmann. „Sie reichen von der Pünktlichkeit der Transportmittel über die hohe Sauberkeit bis hin zur angenehmen Fahrweise der Busfahrer. Beide Gruppen haben die Touren daher als sehr angenehm empfunden. Aufgefallen ist aber auch, dass zum Beispiel an der Barrierefreiheit der Haltestellen gearbeitet werden muss, dass die Bahnhöfe und ihr direktes Umfeld instand zu halten sind und dunkle Ecken vermieden werden müssen, um das Sicherheitsgefühl der Passagiere zu stärken. Auch das sind Punkte, an denen alle Beteiligten in Zukunft ansetzen sollten.“